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260216 Resonanzraum Weintanne

Der Gastraum Weintanne: Resonanzraum in optimierter Welt

Ein Impuls über den Gastraum als „Aufstellungsraum für
Menschlichkeit“

Wir leben in einer Zeit der totalen Optimierung. Unsere digitalen
Endgeräte sind darauf ausgelegt, Reibung zu eliminieren. Algorithmen
servieren uns genau das, was wir bereits mögen. Das ist effizient, verkürzt
die Wege, macht Ziele verfügbar. Aber es fehlt an Resonanz. In der
digitalen Welt begegnen wir oft nur Spiegelbildern unserer selbst.

Hier tritt die Weintanne als „Dritter Ort“ zwischen privater Wirklichkeit
und funktionaler Arbeitswirklichkeit auf den Plan. Sie ist kein Ort der
Effizienz, sondern ein Ort der Präsenz.

Gasträumen wie die Weintanne sind Aufstellungsräume der
Menschlichkeit. Im Spannungsfeld zwischen Gast und Gast findet
Unmittelbarkeit und Reibung statt.


Der Gast kann nicht einfach weiterspulen. Die Situationen im Gastraum
sind analoge Gegebenheiten, in denen echte Begegnung und Handlung
stattfindet. Wir müssen das Gegenüber aushalten, die fremde Meinung
hören, das Lachen des Nachbartisches spüren. Wir wollen diesen
geschützten Ort als psychosoziale Heimat auf Zeit wahrnehmen und
darin Neugier und Überraschung, Lebensfreude und Verletzlichkeit,
Zuversicht und Zweifel erfahren.

Hier dürfen und sollen wir Menschlich sein. Während wir außerhalb des
Gastraumes uns in vorbestimmten Rollenmustern bewegen, dürfen
wir hier uns der Rollen entledigen. Mit Ablegen unserer
vergesellschafteten Häute an der Garderobe erfahren wir die darunter
liegenden Momente von uns Selbst, wenn wir es zulassen. Im
Schwange des Gastraumes und der darin bewegten Aromen heben wir
Ansätze zu erweitertem Selbstbewusstsein und Welterfahrung.

Nach Hartmut Rosa, dem bemerkenswerten Soziologen an der FSU Jena,
ist Resonanz das Gegenteil von Entfremdung. In der Weintanne wird diese
Resonanz durch drei Achsen erfahrbar:

A. Die horizontale Achse (Mensch zu Mensch):
In der digitalen Welt „vernetzen“ wir uns. In der Weintanne begegnen wir
uns. Wenn zwei Menschen am Tresen ins Gespräch kommen, entsteht eine
unvorhersehbare Dynamik. Wenn ein Dialog im Gastraum „fließt“,
schwingen die Beteiligten auf einer Wellenlänge. Man reagiert nicht nur
auf Worte, sondern auf Mimik, Gestik und die emotionale Energie des
anderen. Auch die flüchtige Begegnung mit Fremden am Nachbartisch
oder das kurze Lächeln mit dem Servicepersonal erzeugt kleine
Resonanzmomente. Man spürt: Ich werde gesehen, und ich sehe dich.

B. Die diagonale Achse (Mensch zu Objekt/Genuss)
Die aromatische Geschichte im Glas, das haptische Erlebnis des
Holztisches, die knarrende Tür, das Licht, die Musik, Stimmungen und
Situationen im Raum – diese Dinge sind Ursache für
„Antwortbeziehungen“. Sie lassen uns im einem innigen Moment erfahren.
Resonanz entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie wird durch diese
angebotene Atmosphäre induziert. Wenn wir uns im Raum selbst bewusst
werden, bedeutet das: Wir treten mit der Umgebung in Resonanz.


Gelungene Begegnung passiert in komplexen Räumen selten durch „reinen
Zufall“. Sie wird moderiert. Der Gastgeber dient dezent als begleitende Ermöglicher
für Resonanz
. Er schaffen den geschützten Rahmen, in dem Resonanz
überhaupt erst möglich ist. Durch seine diskrete Aufmerksamkeit steuert er
die Intensität des Zusammenkommens.

C. Die vertikale Achse (Das große Ganze)
Das Erleben, Teil einer Gemeinschaft zu sein. In einer Welt, die sich
zunehmend einsam anfühlt, bietet die Weintanne das existenzielle Erleben
von Zugehörigkeit und Selbsterfahrung.

Darum ist dieser Raum heute so radikal: Weil er Reibung zulässt.

  • Menschlichkeit braucht Zeit, die nicht getaktet ist.
  • Menschlichkeit braucht den Zufall, das Scheitern, den Abweg, den die Algorithmen der Optimierung verhindern.
  • Menschlichkeit braucht den analogen Resonanzkörper eines Gastraums, um laut und deutlich vernehmbar zu sein.

Der Gastraum Weintanne ist nur eine Möglichkeit für derlei
Resonanzräume. Man findet sie Überall, im Kleinen, etwa im Gespräch
auf einer Parkbank, so wie im Großen, etwa in einem Stadion oder einer
Konzerthalle. Solche Orte wie der Gastraum Weintanne sind nicht
Fluchtpunkt vor der Welt, sondern Orte, an dem wir wieder lernen können,
wie sich Welt anfühlt, wenn wir selbstbewusst mit Welt in Kontakt treten.

Auf dem Weg in die Zukunft braucht es ein adäquates Mehr dieser
analogen Räumen, an denen Mensch sich Selbst in Resonanz mit seiner
Welt erlebt. Insbesondere auf den Ebenen Gesundheit, Bildung und Kultur
gilt es, Resonanzräume zu verteidigen und auszubauen, damit der Mensch
sich weiterhin entfalte.