von Danny Müller
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Ein System, das auf stete Akkumulation ausgerichtet ist, kennt darüber hinaus keinen anderen Zweck. Der funktionale Mensch ordnet sich als Dienstleistender ein, um der Einsamkeit und wachsenden Entfremdung zu entgehen. Er gibt etwas von seiner potenten Individualität ab, erhält dafür das Gefühl, Teil der Gemeinschaft und in Erreichbarkeit individueller Freiheiten zu sein. In der Gemeinschaft werden Etappenziele vorgegeben und Aufgaben verteilt, die zur fortgesetzten Akkumulation beitragen. Ontologische Ziele ruhen in der Potenz des Individuums, das sich in der Masse kaum entfalten kann. Individualität ist Privatsache.
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Schauen wir genauer in dieses extrem beschleunigte System ohne existentielle Zielvorgabe. Ich nutze dieses Bild: ein Zug mit akkumulativer Beschleunigung. Abspringen ist nicht möglich. Der Zugreisende ist zugleich Heizer und Bremser im System. Unverbindliches Bewusstsein leuchtet hier und da kurz auf. Man glaubt kollektiv daran: „Alles wird gut!“. Man müsse nur mal wieder so richtig die Ärmel hochkrempeln, um nicht zu spät zu sein. Bald ruft es lauthals: „Heizt ordentlich an!“.
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Aber leises flüstert es auch schon: „Bremst doch ab!“.
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5.Frage: Kann ein akkumulatives System ohne letzten Zweck dauerhaft von Wesen getragen werden, die selbst auf ein sinnvolles Verhältnis zu Bedeutung und Endlichkeit angewiesen sind? Wie lange wird die wilde Fahrt noch gehen?
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So ein Dilemma. Der Mensch ist Heizer und Bremser zugleich. Fieberhaft muss er seinem kultivierten Selbstverständnis folgend heizen und spürt zugleich in seinem Empfinden existentieller Entfremdung den Drang zu bremsen . Alle sinnstiftenden Maßnahmen erschöpfen sich letztlich an der unerschöpflichen Maßgabe der heiligen Beschleunigung.
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Die Systemeffizienz steigt, der Zug wird weiter geschmiert und beheizt. Der Zugführer wiederholt Etappendurchsagen. Heizer und Schmierer geben ihr Bestes. Zum Feierabend gönnt man sich etwas Erholung. In angemessenen Abständen wird eine Ausgelassenheit organisiert. Existenzielle Selbstbestätigung erledigt sich fast vollständig in kurzen Blicken auf die Impressionen einer vorbeieilende Außenwelt. Unversehens spiegelt sich schon auch mal das verstörende Selbstbild in der Zugfensterscheibe. Bei Bedarf kann ein Rollladen herunter gezogen werden.
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Bei Entgleisung wird der Zug eilig wieder auf die Gleise und in Bewegung gesetzt. Entgleisungen sind regelmäßig. Sie helfen, die Abläufe zu optimieren. Solange der Mensch seinen Selbstwert darin sucht, seine Aufgabe zu tun, zu heizen, zu schmieren, zu erhalten und wertvoll zu dienen, läuft alles wie nach Plan. So tief sitzt in ihm der Drang, schnell weiter vorankommen zu müssen. Es steckt doch mehr der Heizer als der Bremser in ihm. Die ersten Menschen im Zug waren Heizer. Eher verheizte der Heizer den Bremser in sich, als dass der Bremser den Heizer bremste.
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6. Frage: Welche Alternativen könnte der Mensch zu einem Dasein in einer solchen unendlich akkumulativen Bewegung finden? Gibt es Auswege oder wenigstens Abwege, auf denen Artefakte und Universalien für erweiterte Sinngebung aufgefasst und erlebt werden können?
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Mensch! Wohin rast dieser Zug?